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INTERVIEW

„Haben Sie was gegen Helden?“
Heino Ferch über die Mauer, Skilehrer und Lust auf Schwierigkeiten, die nicht gelöst werden können

Herr Ferch, jetzt graben Sie sich als Hauptdarsteller von „Die Mauer“ schon wieder durch deutsch-deutsche Geschichte, wie vor ein paar Jahren im „Tunnel“.

Ich grabe ja gar nicht.

Okay, Sie wollen in dem Film von West- nach Ost-Berlin schwimmen, durch den Kanal. Ich denke aber auch an das „Wunder von Lengede“, „Luftbrücke“, „Der Untergang“ – immer Heino Ferch mittendrin.

Wenn Sie das so sehen wollen. Gut, es gibt die Filme, die produziert werden. Es gibt mich als Schauspieler, der auf diese Rollen passt, vielleicht anders als andere. Und es gibt von mir eine große Lust, Geschichten der deutschen Geschichte zu spielen, gerade auch unter der Regie von Regisseur Hartmut Schoen, wie jetzt bei der „Mauer“.

Die typische Heino-Ferch-Rolle, was passt da genau? Was verbindet den Bauarbeiter Hans Kuhlke, der sich in „Die Mauer“ an den US-Präsidenten wendet, um seinen Sohn aus Ost-Berlin frei zu bekommen, mit dem Harry Melchior aus dem „Tunnel“?

Der Melchior war ein Hasardeur mit einem gehörigen Bumms. Der hat im Ostsektor das Maul aufgerissen. Der hat einen Spaten in die Hand genommen und gesagt: Ich mach das, ich buddel hier einen Tunnel.

Eine klassische Heldenfigur.

Helden werden das aber auch nur dann, wenn die Geschichte gelingt. Wenn es daneben geht, sind sie für die meisten Deppen. Für „Die Mauer“ hat Hartmut Schoen eine Geschichte geschrieben, die stellvertretend ist für tausend Geschichten, die im August 1961 in Berlin und Deutschland stattgefunden haben. Eine Kleine-Mann-Geschichte, beste KenLoach-Manier. Die Kuhlkes sind eine durch den Mauerbau zerrissene Familie. Einfache, gerade Menschen, über die die große Politik zusammenbricht.

Hasardeur oder kleiner Mann – welcher Typ ist Ihnen persönlich näher?

Ach, wissen Sie, das sind immer so Journalistenfragen: nach dem Schauspieler und seinen Rollen.

Man ist ziemlich überrascht von der Figur, die Heino Ferch diesmal spielt. Von wegen Held. Am Ende ist der Kuhlke ein gebrochener Mann …

… nachdem seine Frau mit seinem Freund geschlafen hat, um Geld für einen Anwalt zu beschaffen, der ihnen helfen soll, ja. Kuhlke gibt sich selber schuld an der getrennten Familie, wird lethargisch. Dann der Fluchtversuch des Sohnes.

Ohne zu viel zu verraten , was bei diesem Film besonders überrascht: Happy Ends sehen anders aus, vor allem zur Primetime im deutschen Fernsehen.

(wie aus der Pistole geschossen) Das ist schon ziemlich erstaunlich, mutig. Zuerst war da die Idee, die Flucht anders ausgehen zu lassen. Ich bin heilfroh, dass wir das nicht getan haben. Diese Geschichte steht stellvertretend für viele, viele Mauergeschichten, die passiert sind. Das ist auch eine Frage des Respekts, das man das am Ende um der Zuschauererwartung willen nicht zu versöhnlich erzählt hat.

Sie sind 1963 in Bremerhaven geboren, nach dem Mauerbau. Konnten Sie für „Die Mauer“ mit Zeitzeugen reden?

Ein Teil meiner Familie lebte bei Stralsund. Ich war regelmäßig drüben. In meiner Jugend tourte ich als Turner durch Ostblockstaaten, traf Menschen, die sich mit dem Gedanken trugen, sagen wir, etwas zu ändern. Nach dem Studium habe ich fünf Jahre in der Mauerstadt gelebt. Ich kenne die Fluchtproblematik, die getrennten Freunde und Familien.

Zurück zu diesen, wie Sie sagen, Journalistenfragen, zum Image von Heino Ferch: dem Typ „harter Kerl“, „deutscher Bruce Willis“. Ihre meiner Meinung nach schönste Rolle ist die des zaudernden Skilehrers, der am Ende Selbstmord begeht: in Tom Tykwers wunderbarem Film „Winterschläfer“ von 1996. Das mussten sie sehr verhalten spielen, ähnlich dem Kuhlke.

Das reizt mich ja genauso wie diese zupackenden Heldenrollen. Es gibt halt Filme, wo Sie mehr mit dem Säbel rasseln. Die bleiben mehr im Gedächtnis, mit denen werden Sie identifiziert. Produktionen, die nicht so laut daherkommen, haben es schwerer. Da muss man als Schauspieler aufpassen, nicht in so eine Ecke zu geraten. Ich mag es nicht, in derselben Konstellation zweimal aufzutauchen. Dieses Schubladendenken gibt's übrigens nur in Deutschland. Aber schön, dass Sie den Skilehrer im „Winterschläfer“ ansprechen. Da schließt sich für mich mit dem Hans Kuhlke in der „Mauer“ ein Kreis.

Inwiefern?

Wegen des Themas der Männer in beiden Filmen: Versagen und Schwierigkeiten nicht lösen können. Das ist mir sehr wichtig, diese Facette zu zeigen. Sie sagen es ja, man kennt mich vorwiegend aus anderen Sachen, Heldengeschichten. Das nervt in dem Moment, wenn es nur noch aus einer Richtung kommt. Das möchte ich unterminieren.

Steuern Sie in Ihrer Rollenauswahl bewusst ein Image ?

Soviel ich steuern kann. Gott sei dank kriege ich schöne Sachen angeboten.

Gerade haben Sie schon wieder eine Heldenrolle abgedreht, in dem Sat 1-Zweiteiler „Auf der Jagd nach dem Schatz von Troja“.

Haben Sie was gegen Helden? Aber okay, vielleicht bin ich dafür wirklich der Typ, weil man sagt: Der Ferch hat immer funktioniert, weil er da auch Publikum zieht. Den Heinrich Schliemann in „Troja“ empfinde ich allerdings überhaupt nicht so. Der war ein Besessener mit einer Vision, die er um jeden Preis realisieren wollte. In diesem Film durfte ich übrigens auch wieder graben – wenn Ihnen das jetzt Freude macht.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg
15.10.06 16:08
 


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